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Wein-Kolumne: Der Snack zum Wein …muss nicht sein

Bei Rebe und Traube sind wir wieder fündig geworden und haben dieses wunderschöne Stück gefunden:

Jenseits der € 1,99  – Aus einem Leben als Unwissender – Teil 10

von William Powell

Hand aufs Herz – sollte man zu Wein etwas essen? Nein – es geht jetzt nicht darum, ob man Rotwein zu Fisch oder weißem Fleisch vertretbar findet, sondern ob und was man zu Wein im Generellen reicht.

Natürlich gibt es zahlreiche Gelegenheiten, zu denen man nicht mal ansatzweise auf die Idee kommt,

Knabbereien zum Rotwein zu reichen – vor allem, wenn du um zwei Uhr Nachts im stockdunklen Garten eines Freundes sitzt, der gerade den Korken mit einem Akkuschrauber und einer Zange entfernt hat. Und der Gläser ohnehin für überflüssiges Dekor hält. Die kleine Käseplatte käme da schon etwas überraschend.

Aber eigentlich ist es genau das, denn offen gestanden, finde ich die kleine Käseplatte immer überraschend.

Warum sollte ich mir häppchenweise Gruyere oder mittelalten Gouda zum halbtrockenen Riesling reinpfeifen? Davon abgesehen, dass sich meine Finger hinterher in einem olfaktorisch eher weniger schönen Zustand befinden.

Und da soll mir keiner erzählen, dass ich ja gerne die mitgelieferte Mini-Gabel zum Aufspießen verwenden könnte. Entschuldigung, aber spätestens nach dem dritten Mal Zugreifen lass ich die doch liegen.

Oder Nüsse und Trauben? Warum tut man das? Ich war vor ein paar Tagen eingeladen, ein neues „Schätzchen“ eines Nachbarn zu probieren – ein wirklich köstlicher südafrikanischer Chenin Blanc. Und dann bekam jeder von uns eine Schüsselchen mit Supermarkt-Trauben und fusseligem Studentenfutter hingestellt. Das geht so nicht.

Genauso wenig verstehe ich übrigens, wenn manche „Genießer-Frauen“ darauf bestehen, ihren Gästen dunkle Schokolade zu Rotwein aufzudrängen. Ich finde alleine den Gedanken fürchterlich.

 

Und dann bin ich auch immer so feige und esse das Zeugs. Dabei kann ich Nüsse nicht ausstehen – wobei das auch daran liegen könnte, dass ich allergisch bin.

Meine Frau hat sich immer gewundert, woher diese innere Ablehnung eigentlich kommt – zumal ich sonst ja auch nicht die Finger von Knabberkram lassen kann und mir wahrscheinlich nicht mal ein wohlwollend blinder Mönch das Prädikat „enthaltsam“ zugestehen würde.

Aber Snacks zu Wein spricht den Gegenteilssortierer in mir derartig schnell und ohne Umwege an, dass es seltsam erscheint. Sogar bei mir. Aber genau dazu hat man ja große Schwestern – die fungieren ein bisschen wie ein outgesourctes emotionales Gedächtnis.

Alles, was meine große Schwester nicht aus meinem früheren Leben weiß, ist entweder irrelevant und derartig peinlich, dass ich nicht mal mit mir selbst drüber sprechen würde. Und besagte Schwester brauchte nicht mal zwei Minuten, um mich an die Raabs von gegenüber zu erinnern.

Die Raabs, die meine Mutter, meine Geschwister und mich regelmäßig zu derartig quälend langweiligen Sommerfesten einluden, dass selbst unser Hund vier Wochen brauchte, um sich von diesem Armageddon der ländlichen Ödnis zu erholen.

Die Raabs, die zu ALLEM kleine Snacks servierten und die Chianti aus einer mit Bast ummantelten 1,5-Liter-Flasche mit Käse-Igel und Salzbrezeln für den Gipfel sommerlich-kulinarischer Genüsse hielten.

Die Raabs, die ein Dartbrett im „Partykeller“ hatten und Lady Bumb noch Ende der Achtziger laufen ließen. Die Raabs, die kleine Witzekärtchen herumliegen hatten, falls die Gesprächsthemen ausgingen. Die Raabs, die mir Albträume mit Knabbergebäck in Fischform verpassten. Was erlaube … Raabs?

Stellt sich jetzt natürlich die Frage, ob ich in der Lage bin, dieses Teenager-Trauma zu überwinden und nicht mehr Schaum vorm Mund zu haben, wenn mir jemand „etwas Kleines zum Wein“ darbieten möchte. Zumal Schaum beim Essen ja auch hinderlich ist.

Außerdem haben die Bruschetta, die mein Weib neulich zu einem hessischen Merlot servierte, fantastisch geschmeckt … auch wenn ich das nie zugeben werde.

Derzeit denke ich, dass ich Chips und Flips weiter zu Bier genießen werde und trinke – während ich dies schreibe – einen leckeren, trockenen Riesling aus dem Dürkheimer Hochbenn … und zwar pur und ohne Snacks.

SusanneFiederer

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